Schüler-Zukunfts-Unternehmen – Chancen für einen Lernraum jenseits alter Denkgewohnheiten

Ein großes, neues Projekt bei Zukunftsblick ist der Aufbau von Schüler-Zukunfts-Unternehmen des assoziativen Wirtschaftens mit ehemaligen Freiwilligen. Viele der Freunde-Freiwillige bringen nicht nur Begeisterung für drängende wirtschaftliche Fragen mit, sondern beschäftigen sich damit auch im Rahmen ihres (selbst-) Studiums.

Valentin Sagvosdkin, Ehemaliger der Freunde der Erziehungskunst aus Indien, hat nach einem Bachelor der sozialen Arbeit in Berlin nun an der Cusanus-Hochschule mit dem Master der Ökonomie begonnen und schildert im Folgenden die sechs größten wirtschaftlichen Fallen, die es bei diesem Zukunftsimpuls der Schülerfirmen zu umschiffen gilt und zeigt gleichzeitig Chancen und Ideen für eine gelungene Umsetzung auf.

Alle Ehemaligen, die Interesse an wirtschaftlichen Fragen haben, sind herzlich eingeladen zum Campus von morgen vom 29.9. bis 3.10. nach Köln, um dort das Konzept weiter zu entwickeln.

http://bildungsagenten.org/schuelerfirmen/

Schüler-Zukunfts-Unternehmen –  Chancen für einen Lernraum jenseits alter Denkgewohnheiten

Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Finanzkrisen oder soziale Ungleichheit lassen den Ruf nach Bildungsformen laut werden, die bereits Schüler*innen sensibilisieren und für die Zukunft befähigen sollen. Es stellt sich die Frage, welche konkreten Formen dafür gefunden werden und welche Stolperfallen sich ergeben können – denn gut gemeint ist noch nicht gut gemacht!

Der Kapitalismus (hierzulande wird dieses Wort, anders als im angelsächsischen Raum, mit „Linkssein“ verbunden, daher könnten wir auch sagen: unser „derzeitiges Wirtschaftssystem“) zeichnet sich dadurch aus, seine Kritiker*innen entweder mundtod zu machen oder sie einzuverleiben (vgl. Boltanski/Chiapello: 2003). Wie kann eine „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ daher aussehen, die nicht in alten Denkgewohnheiten verhaften bleibt? Was könnten Stolperfallen sein und wie können diese umschifft werden? Im Folgenden versuche ich sechs Stolperfallen und ihre Umschiffung aufzuzeigen, um eine erste Skizze eines gelungenen Lernraums der Zukunft aufzuzeigen – mit dem ausdrücklichen Wunsch, weiter an dem Konzept zu feilen und mit anderen darüber in Dialog zu treten!

1. Stolperfalle: Social Entrepreneurship

Mit dem Siegeszug des Neoliberalismus seit den 1980er Jahre wurde auch der Handlungsansatz des „Social Entrepreneurship“ zunehmend bekannt: Das Konzept setzt auf die Gestaltungskraft einzelner Individuen und die Idee, soziale, wirtschaftliche oder ökologische Probleme mit Hilfe unternehmerischer Methoden zu lösen. Es ist hier die Verbindung von herausragenden Persönlichkeiten und innovativen Ideen, die gesellschaftlichen Wandel voranzubringen verspricht. Kritiker*innen werfen dem Konzept vor, die neoliberale Ordnung zu reproduzieren (vgl. Avelino: 2015). Es wird ein individualistischer Heldenmythos erzählt, der zur sozialen Vereinzelung beiträgt und Solidarität untergräbt da er Individuen fördert anstatt Gemeinschaften. Auch stellt sich die Frage, ob soziale Herausforderungen nicht unterschätzt werden, versucht man sie lediglich mit „ökonomischen“ Methoden anzugehen.

Schüler-Zukunfts-Unternehmen:

Ziele:

  • Nicht Individuen und Heldenmythen stehen im Vordergrund, statt dessen:

2. Stolperfalle: Ökonomisches Denken

Es schließt sich unmittelbar die Frage an: Was ist mit „ökonomischen“ Methoden gemeint? Was für eine Art ökonomischen Denkens bleibt in alten Konzepten verhaftet? Ich möchte hier nur eine von vielen möglichen Antworten nennen: Seit einigen Jahren wird unter dem Sammelbegriff „Ökonomisierung“ die kritische Diagnose diskutiert, wonach ökonomische Logiken gesellschaftlich wirkmächtig werden oder in der Wirtschaft verabsolutiert werden. Soziales Handeln richtet sich vermehrt an wirtschaftlichen Kategorien und einseitigen Wertmaßstäben aus, so dass beispielsweise Effizienz-, Rationalitäts- und Rentabilitätskriterien an Bedeutung gewinnen (vgl. Akyel 2013: 33).

In nicht-ökonomischen Berufen zeigt sich diese Problematik am prägnantesten. Nehmen wir das Beispiel Soziale Arbeit und unterscheiden zwischen unterschiedlichen Stufen der Ökonomisierung (vgl. Schimank/Volkmann 2008: 385f): Auf der ersten ist ein gewisses Kostenbewusstsein notwendig, auf der letzten Stufe ist das Ziel nicht mehr Menschen zu unterstützen, sondern eine „Dienstleistung“ anzubieten, die möglichst viel Gewinn abwirft. Nehmen wir das Beispiel „Bildung“: Bildung kann als Selbstzweck begriffen werden, als Persönlichkeitsbildung, als soziales Lernen, als Lernen fürs Leben und vieles mehr. Ökonomisierte Bildung muss kostengünstig und effizient sein, für den „Arbeitsmarkt“ von morgen vorbereiten, am besten für die Wirtschaft.

Selbstverständlich sind sowohl in Sozialer Arbeit als auch in Bildung ökonomische Fragen immer auch ein Thema – beides muss finanziert werden. Problematisch wird es, wenn sie auf diese reduziert werden, eigentliche Zielsetzungen unterzugehen drohen oder die Vielfalt verloren geht – wenn beispielsweise Schule nicht mehr als „Lernen fürs Leben“ aufgefasst wird, sondern zu stark einer Verwertungslogik unterliegt. Das wird weder den Schüler*innen als Menschen gerecht, noch „der Welt da draußen“ und der „Zukunft“ – beides ist nämlich ungewiss und komplex.

Auf Unternehmen bezogen ist die Gefahr, dass Gewinnmaximierung in den Fokus gerät und die sozialen Ziele als Sahnehäubchen unter die Räder geraten. Oder sich das soziale auf ein „wir spenden einen Teil unseres Gewinnes“ reduziert. Statt dessen ist das wirtschaften ein Prozess, der viele Dimensionen in sich umfasst – soziale nach innen und außen, ökologische, kulturelle und viele mehr. Schüler*innen werden zwangsläufig vor vielen Fragen und Dilemmata stehen: Wie sozial und nachhaltig wollen wir sein? Inwieweit wird das dann zu „teuer“, so dass wir unser Produkt nicht mehr verkaufen können? Welche Form von Marketing wollen wir betreiben? Was ist legitim, ab wann ist sie manipulativ? Instrumentalisieren wir soziale Probleme für unsere Zwecke, um uns als Sozialunternehmer auf die eigenen Schultern zu klopfen?

Solche und viele weitere Fragen werden sich die Schüler*innen entweder selber stellen – oder einfach über sie hinweg huschen und so handeln, wie es die gesellschaftlichen Gewohnheiten als „normal“ definieren. Es wird die Aufgabe von Pädagogen und Begleitern sein einen reflexiven Lernraum zu ermöglichen, der Engagement nicht verhindert, sondern vielmehr auf eine weitere Stufe hebt.

Schüler-Zukunfts-Unternehmen:

Ziele:

  • Es geht nicht darum, mit herkömmlichen Methoden Gewinn zu erwirtschaften und dann lediglich zu spenden
  • Es geht nicht darum, Schüler*innen dazu zu bringen, auch in Zukunft Unternehmer zu werden
  • Problematisierung rein „ökonomischen“ Denkens.
  • Vielfältige Dimensionen des wirtschaftlichen Prozesses: Ökologische, soziale (nach innen und außen), kulturelle, „ökonomische“ Dimension etc.
  • individuelles, soziales und gesellschaftliches Lernen
  • Reflexiver Lernraum, der Engagement auf eine höhere Stufe hebt.

Mögliche Ansätze / Workshop-Themen:

3. Stolperfalle: Unternehmerisches Selbst

Längst ist von Ökonomisierung nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf individueller Ebene die Rede: Richard Sennett beschreibt den „flexiblen Menschen“ als charakteristisch für die Kultur des neuen Kapitalismus: Das vereinzelte Individuum, das Angst hat, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren und ständig angehalten ist, sich der Arbeitswelt anzupassen und einen flexiblen und mobilen Lebensstil anzunehmen (vgl. Sennett 1998: 21f, 160). Der Soziologe Ulrich Bröckling beschreibt das „Unternehmerische Selbst“ als Deutungsschema, mit dem Menschen heute ihre Existenz verstehen. Wie ein Sog wird so die Maxime „handel unternehmerisch“ zur übergreifenden Richtschnur der Selbst- und Fremdführung erhoben (vgl. Bröckling 2013: 13). Dabei ist das, sich ständig selbst optimierende Individuum, ein „erschöpftes Selbst“, das mit emotionaler und mentaler Erstarrung reagieren kann (vgl. ebd.: 289). Der Sozialpsychologe Heiner Keupp sieht die Folgen einer so erzwungenen, unermüdlichen Identitätsarbeit in zunehmender Depression vor allem unter Heranwachsenden (vgl. Keupp 2010: 11).

Heißt das, Schülerfirmen-Projekte sind generell abzulehnen, weil sie in diese Kerbe schlagen und jungen Menschen einen unternehmerischen Appell aufzwingen, der potenziell schädlich ist, egal, ob die Projekte „Nachhaltigkeit“ zum Ziel haben oder nicht? Ist Nichtstun der neue Aktivismus?

Nach Bröckling zumindest kann ein Gegenprogramm nicht allein das „Spiel der Nutzlosigkeit“ (ebd.: 286) sein oder reiner Müßiggang, der inzwischen auch marktgängig geworden ist (vgl. ebd.: 295). Vielmehr die Anstrengung, den unternehmerischen Appell wenigstens zeitweise außer Kraft zu setzen (vgl. ebd.: 286), die Kunst „anders anders zu sein“, in dem man rechtzeitig aufhört (vgl. ebd.: 297). Auch das kann also in geeigneter Form Gegenstand einer Reflexion mit Schüler*innen sein: Wie viel Zeit wollen wir eigentlich in unser Projekt stecken? Wollen wir uns als Team bewusst „Aus-Zeiten“ gönnen, in denen Nicht-Unternehmerisches im Fokus steht? Wollen wir uns ständig selbst optimieren und wann sind wir zufrieden?

Schüler-Zukunfts-Unternehmen:

Ziele:

  • Es geht nicht darum unternehmerisches Handeln zu verabsoultieren
  • Chance zu gesellschaftlicher Reflexion: Appell der Selbstoptimierung hinterfragen
  • Bewusst gemeinsame Aus-Zeiten (Feiern, Zufrieden sein, Faul sein).

4. Stolperfalle: Priveligierten-Förderung

Schüler-Zukunfts-Unternehmen sind zunächst als freiwillige Projektarbeit gedacht, deren Beginn in schulische Projekttage integriert ist, wo jedoch auch andere Aktivitäten laufen. Es stellt sich die Frage: wer wird von so einem Projekt-Angebot angezogen und wer nicht? Es erscheint wahrscheinlich oder mindestens möglich, dass eher diejenigen in so ein Projekt gehen, die durch ihren sozial-familiären Hintergrund für ökonomische Themen vorgeprägt sind. Dies sollte bedacht werden in der Art und Weise, wie solche Projekte an die Schüler*innen kommuniziert werden: Fühlen sich auch Mädchen angesprochen? Ist es ein Projekt für selbstbewusste Schüler*innen oder finden auch „stillere“ ihren Platz in so einer Projektgruppe? Ich denke, es reicht nicht, einfach nur zu sagen, dass das Projekt für alle ist – manche müssen erst ermutigt werden (ohne sie in etwas hineinzudrängen, was sie nicht wollen). Diese Ermutigung gilt natürlich auch für den gesamten sozialen Prozess einer Projektgruppe. So kann für alle soziales Lernen ermöglicht werden.

Schüler-Zukunfts-Unternehmen:

  • sollen Erfahrungsräume nicht nur bereits Privilegierten zugänglich machen
  • sind sowohl für Mädchen als auch für Jungen
  • Zukunfts-Unternehmen nur von Mädchen sind denkbar
  • sind sowohl für selbstsichere als auch für „stillere“ Schüler*innen
  • Soziales Lernen wird ermöglicht – Reflexion der eigenen „Unternehmenskultur“

5. Stolperfalle: Wir haben die Lösung

Eine Beobachtung, die ich häufig mache bei linken Kritiker*innen des Wirtschaftssystems, ist die Tendenz, die eine Lösung zu propagieren. Für die einen ist bedingungsloses Grundeinkommen die Rettung der Welt, für andere die Privatheit an Produktionsmitteln das zentrale Problem und so weiter. Als politische Gruppe ist es vielleicht nicht falsch mit Bestimmtheit eine spezifische Forderung zu stellen und nicht selbst daran zu zweifeln. In einem Bildungskontext für Schüler*innen jedoch sehr wohl. Junge Menschen haben ihr kritisches Denken noch nicht so weit ausgeprägt wie Erwachsene (es haben sollten) und die Gefahr besteht, romantisierte, vereinfachte oder vermeintliche Lösungen zu präsentieren. Ein Beispiel: Viele Occupy-Aktivisten glauben, dass zentrale Problem der Wirtschaft sei der Zins, der Wachstum erzeugt und daher bekämpft werden muss. Ihre Lösung sind alternative Geldsysteme. Dabei wird ein historisches Gegenargument ausgeblendet: den Zins gibt es schon seit tausenden Jahren, der Kapitalismus mit seinem exponentiellen Wachstum entstand aber erst im 19. Jahrhundert (vgl. Hermann 2015: 11). Initiativen von Regionalwährungen glauben, das zentrale Problem ist, dass Menschen ihr Geld horten und durch „Schwundgeld“, d.h. der regelmäßige leichte Entwertungen des Geldes die Wirtschaft stabilisiert werden kann. Die Auseinandersetzung mit Gegenargumenten wirft jedoch wichtige Fragen auf: So lange das herkömmliche Geld existiert, werden die Menschen einfach nur die Menge in Regiogeld umtauschen, die sie sowieso in der Region ausgeben würden. Würde alles Geld mit einer Zwangsabgabe belegt werden, könnten Menschen einfach anfangen, sich selbst Ersatzgeld zu schaffen (vgl. ebd.: 181). Und hängt das Funktionieren von Regio-Geld-Initiativen nicht davon ab, dass Menschen sich den Aufwand des Umtausches machen? Braucht jemand, der dieses regionale Bewusstsein hat die drohende Entwertung seines Scheins, um regional einzukaufen überhaupt?

Wir befinden uns hier in einem Spannnungfeld zwischen „lähmender Kritik“ und „kopflosem Aktionismus“: Die Kritik an positiven Ansätzen kann Schüler*innen enttäuschen und den Eindruck einer „Alternativlosigkeit“ erwecken. Die „eine“ Lösung ohne Einbezug von Gegenargumenten kann umgekehrt zu einem naiven Aktionismus führen, der auch irgendwann in Enttäuschung münden muss. 

Wir sollten Schüler*innen also nicht mit vermeintlichen Patent-Lösungen kommen (selbst wenn wir diese dafür halten). Vielmehr sehe ich Potenzial darin, Schüler*innen eine Pluralität an Ideen und Lösungen nahezubringen und einen Lernraum zu ermöglichen. Der Beutelsbacher Konsens ist diesbezüglich eine wichtige Leitlinie (wenn auch nicht unbedingt das Ende aller Weisheit: kritisches Hinterfragen beispielsweise ist nicht vorgesehen, lediglich „Kontroversität“, wenn Themen in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden).

Das Diktat der Alternativlosigkeit halte ich für falsch – aber ebenso der Glaube, es gibt die eine Alternative. Eine Haltung der kreativen Offenheit, des Nicht-Wissens könnte ein gelungener Mittelweg sein. Es geht darum, nicht zu schnell eine Idee als die große Erlösung auf das eigene Banner zu malen, sondern um der Vielfalt zu wissen, selbst zu schauen: Was gefällt uns? Womit wollen wir uns ausprobieren? Was klingt spannend? Konkret kann es natürlich sinnvoll sein, Schüler*innen erstmal machen zu lassen – Schüler-Zukunfts-Unternehmen kann ein Erfahrungsraum sein, in dem sich eigene Urteile herausbilden können und insofern auch Kritik an Konzepten vielleicht nicht zu früh vorweggenommen werden sollte.

Schüler-Zukunfts-Unternehmen:

  • Keine „wir haben die Lösung“-Haltung
  • Zwischen „lähmender Kritik“ und „naivem Aktionismus“
  • Plurale Sichtweisen: unterschiedliche Perspektiven und Ansätze kennenlernen
  • Haltung des Nicht-Wissens, kreative Offenheit, Ausprobieren
  • Pädagogische Haltung: Schüler*innen selbst denken lassen, Vielfalt anbieten.

6. Stolperfalle: Der Markt statt die Demokratie

Es gehört zu den Charakteristika neoliberaler Ideologien den „freien Markt“ bzw. die Gesetzmäßigkeiten „des Marktes“ zu propagieren (vgl. Ötsch 2009). Es ist Teil des Ökonomisierungsphänomens, dass Lösungen, die diesem Markt-Diskurs widersprechen, wenig in öffentlichen Debatten präsent ist. Beispielweise wurde als ökologische Lösung für die Verringerung von CO2 ein Markt für CO2-Zertifikate geschaffen (der zusammenbrach), anstatt alternative, politische Lösungen zu diskutieren (z.B. an den Schürfrechten anzusetzen) (vgl. Moreno et al 2013). Es ist Teil dieses Denkens, dass viele glauben, es ist eine Lösung, wenn nur einzelne Unternehmen im Kleinen sozial und nachhaltig sind. Konsumentensouveränität ist die Freiheit des Neoliberalismus: Wenn die Menschen Nachhaltigkeit wollen, so werden sie sie einkaufen. Oder „links“ ausgedrückt: Wir müssen an das Bewusstsein der Individuen appellieren!

Christian Felber hat den Kern des Kapitalismus so auf den Punkt gebracht: Die Unternehmen, die Effizienz und Gewinnmaximierung verfolgen, müssen letztlich im bestehenden System die stärkeren sein, da sie Umwelt und soziale Standards vernachlässigen – Nachhaltigkeit wird letztlich bestraft. Sein Konzept der Geweinwohl-Ökonomie zielt deshalb auf eine Abbildung des Gemeinwohl von Unternehmen, damit die Politik die Rahmenbedingungen des Systems verändert und Gemeinwohlstreben belohnt wird (vgl. Felber 2014). Damit ist das zentrale ausgesprochen: Ohne die Politik wird es nicht gehen. Ohne die Politik werden nachhaltige oder soziale Unternehmen lediglich eine Marktnische bleiben für diejenigen, die es sich leisten können (oder wollen). Ob die Gemeinwohl-Ökonomie „die“ oder „eine gute“ Antwort bietet, sei dahingestellt. Es soll hier nur auf die Gefahr eines „entpolitisierten“ Blicks auf Wirtschaft hingewiesen werden.

Es ist ein weiteres Charakteristikum des Neoliberalismus ist „die“ Wirtschaft getrennt von Gesellschaft zu denken – dabei kann beides auch als eng verflochten betrachtet werden. Wirtschaft ist Teil der Gesellschaft! Ist denn Wirtschaften ohne politische Rahmenbedingungen denkbar? Ist die Rede vom „freiem“ Markt ein Mythos?

Es wäre also falsch, Schüler*innen zu vermitteln, der Aufbau von nachhaltigen Unternehmen sei die Lösung für alle Herausforderungen unserer Zeit. Es ist vielleicht eine Lösung – vielleicht nicht einmal die beste. Schüler-Projekte bergen die Chance, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen, sie nicht nur theoretisiert im Unterricht zu behandeln, sondern mit ihnen konkret konfrontiert zu werden. Gleichzeitig greift die alleinige Aktion zu kurz. Schüler-Zukunfts-Unternehmensprojekte sollten daher in einen guten Sozialkunde / Politik / Wirtschaftsunterricht angebunden sein. Wirtschaft ist nicht lediglich eine Frage von unternehmerischem Handeln Einzelner oder Kollektiven, sondern berührt unmittelbar wichtige gesellschaftliche Fragen und letztlich die Frage nach Demokratie.

Spannender als die Frage, welcher tatsächlicher „Output“ durch die Zukunfts-Unternehmen entstehen, ist das Projekt als Lernraum und als Aufhänger für wichtige gesellschaftliche Themen zu sehen. Ein Beispiel:

Wenn es zu globalen Partnerschaften kommt – etwa in sog. Entwicklungsländern oder dorthin ein Teil der Gewinne fließen soll, bietet es die unmittelbare Chance (und auch Notwendigkeit) Kolonialismus zu thematisieren, die eigene Haltung – spielen wir uns als Retter auf? Was für ein Bild haben wir von den „Armen“ dieser Welt?

Schüler-Zukunfts-Unternehmen:

  • Problematisierung: Der Markt als Lösung für alles?
  • Das Bild der Wirtschaft: Eingebettet in Gesellschaft oder als getrennt?
  • Thematisierung gesellschaftlicher / politischer Rahmenbedingungen von Wirtschaft
  • Bei globalen Partnerschaften: Thematisierung der eigenen Haltung / (Post-)Kolonialismus

Fazit:

Die Initiierung von Schüler-Zukunfts-Unternehmen bietet die Chance eines Lernraums, in dem Schüler*innen ins konkrete Tun kommen, sich praktische Fähigkeiten aneignen sowie individuell, sozial und gesellschaftlich lernen, da die Fragen sie unmittelbar konkret betrifft. Es sollten jedoch einige Stolperfallen bedacht sein, damit nicht lediglich bestehende Denkweisen reproduziert werden.

Literatur:

Akyel, Dominic (2013): Die Ökonomisierung der Pietät. Der Wandel des Bestattungsmarkts in Deutschland. Frankfurt/New York: Campus-Verlag.

Avelino, F. et al. (2015): Transitions towards New Economies? A Transformative Social In-

novation Perspective, 1–28.

Boltanski, Luc, Chiapello, Ève (2003): der Neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK-Verlag.

Bröckling, Ulrich (2013): Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform. Suhrkamp Verlag.

Felber, Christian (2014) Gemeinwohl-Ökonomie. Wien: Deuticke.

Hermann, Ulrike (2015): Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen. Frankfurt: Piper.

Schimank, Uwe, und Ute Volkmann (2008): „Ökonomisierung der Gesellschaft“. In: Maurer, Andrea (Hrsg.): Handbuch der Wirtschaftssoziologie. Wisebaden: Springer. S. 382–393.

Sennett, Richard (1998): „Der flexible Mensch“. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin.

Keupp, Heiner (2010): Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft. Eröffnungsvortrag bei den 60. Lindauer Psychotherapiewochen.

Moreno et al (2016): CO2 das Maß aller Dinge. Die unheimliche Macht von Zahlen in der globalen Umweltpolitik. Band 42 der Schriftreihe Ökologie. Heinrich-Böll-Stiftung.

Ötsch, Walter O. (2009): Mythos Markt Marktradikale Propaganda und ökonomische Theorie. Metropolis-Verlag.

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